Trendbeschleuniger Corona IV: Store Design

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Stop-and-go statt flüssigem Kundenstrom, Séparées statt Marktplätzen? Welche Auswirkungen hat Covid-19 auf das Store Design? Wir haben bei den Experten von umdasch nachgefragt: Die Designer Julia Mitteregger, Maik Drewitz und Peter Prisching standen Rede und Antwort.

Welche Auswirkungen haben aktuelle Konsumtrends auf das Store Design?

Julia Mitteregger: Im Modebereich ist ein ganzheitliches Einkaufserlebnis nach wie vor das große Thema.

Bezogen auf Megatrends sind hier insbesondere Sicherheit, Gesundheit und Urbanisierung wesentliche Treiber – alle unter dem Deckmantel der Konnektivität und Individualisierung.

Die Menschen haben nach dem Lockdown ebenfalls die ungebrochene Sehnsucht nach Erlebnissen. Diese unterscheiden sich aber deutlich zu jenen vor Corona: Es muss nämlich alles auch mit „Abstand“ funktionieren. Wir müssen etwa Community-Zonen und Funktionsbereiche, wie Umkleidekabinen völlig neu interpretieren. Das äußert sich sowohl in Materialien, die zur Hygiene beitragen, wie glatte Oberflächen statt Teppichen, als auch im Raumkonzept: Lounges, die zum Verweilen einladen, werden eher über die Fläche verteilt als gebündelt angeordnet. Hinzu kommt, dass plötzlich ganz neue Sortimentsbereiche an Relevanz gewonnen haben, was sich auch auf das Store Design auswirkt. Flexibilität ist wichtig, um auf neue Anforderungen rasch reagieren zu können.

Maik Drewitz: Auch in anderen Lifestyle-Bereichen wie Home & Living oder Consumer Electronics ist eine einmalige Customer Experience wichtiger denn je zuvor. Man konsumiert nicht ausschließlich um des Konsums Willen, sondern weil man hinausgehen und etwas erleben möchte. Dazu gehören auch soziale Interaktionen – auf allen Kanälen, online wie offline. Ein Like auf Instagram für das neu erworbene Produkt ist wahrscheinlich sogar schneller ergattert als ein Kompliment im Laden. Solche Ansätze bedenken wir bei umdasch auch im Store Design, um für die Konsumenten erlebenswerte Anreize zu schaffen, die man auch gerne mit der Social Media-Community teilt. Generell gilt: Sämtliche digitale Lösungen zur Erhöhung der Experience wie auch zur Prozessoptimierung sind gefragter denn je. In unserem neuen Innovationshub in Duisburg arbeiten wir deshalb Seite an Seite mit den Digital-Experten von umdasch, um ganzheitliche Erlebniswelten zu kreieren.

Peter Prisching: Im Food Retail bemerken wir zwei Trends, die sich schon auf der EuroShop 2020 im Februar in Düsseldorf herauskristallisiert haben: Die Customer Experience, also das Erlebnis im Verkaufsraum und die Retail Journey, sprich, wie man im LEH den Prozess des Händlers dahinter vereinfachen kann. Um den Konsumenten ein „Wohlfühlen“ zu ermöglichen, müssen Retailer gewisse Abläufe optimieren – sowohl digital als auch nachhaltig. Aktuell sind wir am Multiplizieren von Konzepten, die genau in diese Kerbe schlagen.

In Zukunft werden Online- und stationärer Handel vermehrt als Hybriden konzipiert, etwa mit Pick-up Stationen und neuartigen Kassenzonen. Nicht nur Self-Checkout Kassen, sondern auch der Checkout mit dem eigenen Smartphone direkt am Regal sind Ansätze für ein komfortables Einkaufserlebnis. Besonders in Kombination mit der elektronischen Preisauszeichnung ESL bringt letzteres auch den Händlern zahlreiche Vorteile.

Gehen Sie seit Corona anders an die Store Gestaltung heran? 

Julia Mitteregger: Ich muss mich jetzt noch intensiver mit dem Spannungsfeld des großzügigen Raumangebots bei kleiner werdender Verkaufsfläche auseinandersetzen. Die Einbindung der Umgebung, wie den Plätzen vor den Stores, gewinnt ebenfalls an Bedeutung. Für Kassenbereiche gilt dasselbe, wie für die Verweilzonen: sie werden vermehrt über die Fläche verteilt und neu gedacht. Dabei wird Self-Checkout auch im Modebereich immer mehr zum Thema. Dem Servicegedanken wird nach Corona eine noch größere Bedeutung zukommen, was auch das Design ganzheitlich beeinflusst: Die Verkäuferinnen und Verkäufer in der Rolle der Gastgeber, mit perfekter Beratung und individuellem Service. Multichannel-Konzepte werden endlich eine große Rolle spielen. Der Kunde kann die Ware im Store physisch erleben, die Materialien spüren, sich diese nach Hause liefern lassen, dort in Ruhe probieren und bei Bedarf im Store zurückgeben. Weniger Umkleidekabinen im Store und die Einsparung großer Lagerflächen, die durch den Onlineversand abgedeckt werden, bringen einen großen Vorteil mit sich: auch kleine Flächen in guter Lage können dadurch attraktiv werden – Showroom-Konzepte anstelle von riesigen Verkaufsstätten. 

Im legero Shoemaker's Outlet in Graz sind digitale Lösungen ein integrativer Bestandteil der Customer Experience.

Ziehen Sie jetzt wieder überall Acrylglasschilder hoch, die jahrelang ein Tabu in der Storegestaltung waren?

Maik Drewitz: In vielen Branchen, wie zum Beispiel bei Apotheken, hat man kaum eine andere Wahl – aber wenn möglich, werden Schutzschilder im Store Design integriert. Es hängt stark davon ab, wie lange die strengen Sicherheitsvorkehrungen noch eingehalten werden müssen, aber aktuell heißt es oftmals „Augen zu und durch“ mit temporären Lösungen. Langfristig hoffe ich, dass auch der Handel wieder etwas mehr Nähe erfahren darf.

Eine Notwendigkeit für viele Branchen: Schutzschilder aus Acrylglas.

Werden uns Abstandhalter und Hygiene Stationen noch länger begleiten?

Peter Prisching: Händler tragen auf ihrer Fläche die Verantwortung für Konsumenten; Hygienelösungen beim Betreten bzw. Verlassen der Stores sind daher essentiell. Es erfolgt zwar eine sukzessive Umstellung auf Self-Service und Pick-up Stationen, damit Sicherheitsvorkehrungen und ein Abstand gewährleistet sind, jedoch bleibt persönliche Beratung nach wie vor wichtig für das Einkaufserlebnis – auch im Lebensmitteleinzelhandel.

Themen wie „unverpackt“ waren vor kurzem noch voll im Trend – heute wiegt sich mancher Konsument mit verpackten Waren in Sicherheit. Trotzdem gibt es zahlreiche Anfragen zu Lösungen wie unserem Liquid Dispenser, einem Refilling-System für Flüssigprodukte wie Waschmittel. Man muss diese Systeme derart gestalten, dass die Hygiene trotzdem gewährleistet ist: Die Tendenz geht hier eher zu Maschinen und weg von klassischen Schütten. 

Auf Nummer sicher gehen mit der umdasch Hygiene Station.

Was bedeutet Customer Experience in der Neuen Normalität?

Unisono: Es ist die Sehnsucht nach Erlebnissen bei gleichzeitigem Bedürfnis nach Sicherheit.

Weitere Antworten auf die Frage „Wohin die Design-Kompass-Nadel“ nach dem Lockdown zeigt,

erhalten Sie im gleichnamigen umdasch Shop Academy Seminar am 1. Oktober 2020 on Tour in Wien.

In unserer Reihe „Trendbeschleuniger Corona“ zeigen wir Ihnen, welche Auswirkungen die vergangenen Monate langfristig auf verschiedene Aspekte des Retails haben. In den letzten Beiträgen der Serie hat Silvio Kirchmair, CEO umdasch The Store Makers schon über die Neue Normalität aufgeklärt. Bernd Albl, Managing Director umdasch Digital Retail sprach über die Bedeutung von Digital Retail und Michaela Drage, Engineering Director umdasch The Store Makers gab spannende Einblicke in die Relevanz von Nachhaltigkeit.

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